Augen-Blicke 2009–2014

Written by | Archiv

Forumtheater im Schulalltag

Fünf Jahre war es möglich, dieses vom Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderte Projekt an sieben Dresdner Schulen umzusetzen. An jeder Schule wurde eine Forumtheatergruppe ab Klasse 7 begründet, die sich wöchentlich nach Schulschluss traf und an der die Schüler auf freiwilliger Basis teilnahmen. Jede Forumtheatergruppe wurde von einem Theaterpädagogen geleitet und von der Schule und einer psychologischen Begleitung unterstützt. Im Laufe des Schuljahres kam es zu vier Begegnungen der sieben Schulen im Theaterhaus Rudi, eine dreitägige Winterferienwerkstatt komplettierte das Angebot. In einem großen Finale, meist im Theater Junge Generation, stellten die Schüler vor dreihundert Zuschauern – ihren Mitschülern und ihrer Schule – ihre besonderen und ganz persönlichen Spielszenen vor. Schule und jugendliche Lebenswelt waren das bestimmende Thema, das Publikum wurde zum „Zu-schau-spieler“ und konnte aktiv Konfliktlösungen auf der Bühne erproben.

Im Mittelpunkt stand die Methode des Forumtheaters. Hier wird Theater ausschließlich als Methode verwendet. Theater ist das Mittel, um das Ziel, Konflikte besser zu bewältigen, zu erreichen. Das ästhetische oder künstlerische Ergebnis ist sekundär. Der Schwerpunkt lag auf dem Ausdruck der Schüler und der Umsetzung von den Geschichten und Erfahrungen der Jugendlichen. Allerdings war hierzu eine strukturierte, zielorientierte, methodisch flexible und kreative Anleitung erforderlich. Diese war besonders wichtig, wenn die Schüler nach Schulschluss überdreht oder absolut erschöpft waren. Dann galt es, sie spielfähig zu machen und die notwendige Aufnahmefähigkeit wieder herzustellen. Augen-Blicke bot die Chance, diejenigen aktiv anzusprechen, die Schulschwierigkeiten haben bzw. Schulschwierigkeiten machen. Unsere Erfahrung war, dass junge Menschen großes Interesse am spielerischen Lernen, an der Konfliktbewältigung und an der Gestaltung des eigenen Lebens haben und dass sie dankbar dafür sind, dass sie mit der Forumtheatermethode wieder erreicht werden und sich darüber ausdrücken können und selbstwirksam werden.

Was war der Hintergrund für unser Projekt? Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Dr. Michael Winterhoff schreibt:

Ich sehe in meiner Praxis täglich Kinder und Jugendliche mit vielfältigen Störungen. Im Laufe meiner Tätigkeit als Kinderpsychiater haben sich bei der Analyse der auftretenden Störungen so gravierende Veränderungen ergeben, dass Anlass zu großer Sorge um die gesamtgesellschaftliche Zukunft gegeben ist. Immer weniger arbeits- und beziehungsfähige Jugendliche und Erwachsene werde die Folge sein, wenn sich weiterhin kein Bewusstsein für diese Störungen bildet.(Dr. M. Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden, S. 12)

Forumtheater setzt am Befinden und dem Entwicklungsstand der beteiligten Schüler an und fördert gezielt eine positive Entwicklung, indem es die Befindlichkeit der Gruppe und – wenn möglich – des Einzelnen als Ausgangspunkt der Arbeit annimmt. Wesentlich ist dabei, dass Schüler den Schulalltag als fremdbestimmt erleben, und dies immer schwerer akzeptieren können (Autonomiestreben, Egozentrismus der Jugendlichen). Zur Entwicklung von Mündigkeit gehört, dass Schüler seelisch einen entsprechenden Reifegrad erreicht haben, um strukturierte Erfahrungen mit Selbstbestimmung machen zu können. Das ermöglicht die Forumtheatermethode, die die Jugendlichen dort abholt, wo sie stehen und mit ihrem spielerisch bildhaften Charakter die Schüler fördert.

In den fünf Jahren nahmen 13 Schulen teil, die meisten über die gesamt Zeit: 46. Oberschule, 64. Oberschule, 128. OS, Semperoberschule, Bertolt Brecht Gymnasium, Gymnasium Bürgerwiese, Dreikönigsgymnasium, Gymnasium Klotzsche, Gymnasium Plauen, Freie Waldorfschule Dresden, Ev. Kreuzgymnasium, Freie Fachschule für Sozialwesen, Geschwister-Scholl-Gymnasium Nossen.

Zum ersten Mal konnte ein FORUM:Theaterprojekt dank der Förderung durch den Europäischen Sozialfonds (ESF) in Deutschland in den Jahren von 2009 – 2014 realisiert werden. In den beiden ersten Jahren wurde es wissenschaftlich evaluiert und seine Effizienz nachgewiesen. Schulen, Lehrer, Schüler, Dozenten, Geldgeber erlebten fünf erfolgreiche, spannende und aufregende Jahre. Leider wurde dieses Förderprogramm in der neuen ESF – Förderperiode 2014 – 2020 nicht verlängert. Das ist außerordentlich bedauerlich, denn es förderte die Schüler in ihrer Selbstkompetenz.

 

unterstützt durch

Last modified: 6. September 2018